PRIME NETWORK CASE STUDY: PRESSEDRUCK POTSDAM
EINE SCHLANKE, HOCHAUTOMATISIERTE PLATTENVERSORGUNG

Den Nutzen der Schnittstellen nach dem PRIME Network Standard können am besten jene IT-Spezialisten einschätzen, die komplette Daten-Netzwerke und -Workflows aus teils vorhandenen, teils neu zu installierenden Systemen unterschiedlicher Hersteller zusammenfügen müssen. In einer Zeit der Retrofits und Produktionsoptimierungen stellt sich diese Herausforderung in vielen Zeitungsdruckereien. Als gutes Beispiel – nicht zuletzt weil alle eingebundenen Technik-Partner Mitglieder des PRIME Network sind – darf der Workflow bei Pressedruck Potsdam (PDP) gelten.

Federführend bei der IT-Einrichtung und -Anpassung von Netzwerk und Schnittstellen in Potsdam war Dr. Holger Barthel, der als Senior System Engineer beim Gutenberg Rechenzentrum in Hannover angestellt ist, aber vor Ort für PDP die IT-Betreuung übernimmt. Das Rechenzentrum ist die IT-Zentrale der ebenfalls in Hannover ansässigen Mediengruppe Madsack, die 2012 den Regionalzeitungsverlag der Märkischen Verlags- und Druck-Gesellschaft mbH Potsdam – in dem die Märkische Allgemeine Zeitung erscheint –einschließlich der dortigen Zeitungs-Druckerei übernommen hat. Zuvor gehörte die Märkische Verlags- und Druck-Gesellschaft zur FAZ-Gruppe.

Nach dem Übergang auf Madsack wurde die Druckerei in eine eigene Gesellschaft – die Pressedruck Potsdam GmbH – ausgegliedert. Bei der PDP sind heute rund 50 Mitarbeiter tätig, die Weiterverarbeitung ist an einen externen Dienstleister vergeben. Produziert wird im Druck auf zwei sehr unterschiedlichen Zeitungsrotationen. Auf einer im Jahr 2000 installierten KBA Commander Satellitenmaschine entstehen Teilauflagen überregionaler Titel wie der FAZ, der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung und des Handelsblatts im Nordischen bzw. halben Nordischen Format. Auf einer 2014 in Betrieb genommenen KBA Commander CL werden vor allem die 15 Ausgaben der Märkischen Allgemeinen Zeitung gedruckt.


Deren Verbreitungsgebiet reicht von der Prignitz im Norden Brandenburgs bis in den Fläming im Süden des Landes hinein. Es ist mit 12.000 Quadratkilometern das größte einer regionalen Abonnementzeitung in Deutschland. Mit rund 120.000 Exemplaren werden mit der Märkischen Allgemeinen Zeitung etwa 372.000 Leser erreicht (MA 2016). Noch größer ist die Reichweite des Anzeigenblatts "Wochenspiegel", von dem die PDP wöchentlich rund 620.000 Exemplare produziert.

Nur eine Druckmaschine – dank Automatisierung

Der Workflow rund um diese, für die verlagseigenen Regionaltitel eingesetzte KBA Commander CL darf als ausgesprochen hochautomatisiert gelten. Dass dieser Workflow so eingerichtet werden konnte und praktisch reibungslos funktioniert, ist nicht zuletzt den PRIME-Schnittstellen zu verdanken, welche die Systeme von PPI, wobe-team, EAE, Gebrüder Neumeister und Koenig & Bauer verknüpfen.


Die neue 32-Seiten-Druckmaschine wurde für die erforderliche Rüstzeitverkürzung auch mit einem Plattenvollautomaten samt Plattenlift ausgestattet. Dies macht es nun möglich, dass die gesamte MAZ-Auflage trotz des weitläufigen Verbreitungsgebietes nur mit einer einzigen Maschine und minimalem Personalaufwand bewältigbar ist. Die jeweils kompletten Plattenwechsel für die 16 Druck-Ausgaben der MAZ benötigen nur gut vier Minuten – vom Runterfahren bis zum erneuten Erreichen der Fortdruckgeschwindigkeit von 45.000 Exemplaren pro Stunde.


Als zentrales System zur Produktionssteuerung war in Potsdam bereits EAE Print vorhanden gewesen und sollte diese Rolle auch weiterhin spielen – auf Grund der guten Erfahrungen, die das Team um Abteilungsleiter Matthias Voss über Jahre hinweg gemacht hatte. Holger Barthel: "Bei Madsack setzen mehrere Druckereien bei der Arbeitsvorbereitung und Disposition der Arbeitsaufträge auf EAE Print. Das ist nichts Ungewöhnliches. Spannend war aber, die Druckmaschine mit dem Plattenvollautomaten an das System anzubinden und vor allem das Thema automatischer Workflow." Neben dem EAE Print System musste zum Teil direkt an der Maschine in erheblichem Maße Software installiert werden.


Von PPI PlanPag in das EAE Print System

Alle Zeitungs-Titel der zur Mediengruppe Madsack gehörenden Verlage werden zentral über die Software PPI PlanPag geplant. Und diese Planung wird unter anderem automatisiert an das EAE Print System in Potsdam überspielt. Der Schichtleiter bei PDP schreibt keine Produktion mehr im herkömmlichen Sinne. Die Reihenfolge der Produktion und die Buchstrukturen sowie die Wechsel kommen zentral aus dem PPI System.


Barthel: "Das war eine Schnittstelle, die zu PPI hin komplett neu entwickelt werden musste. EAE-seitig war sie bereits vorhanden."

Der Import basiert nun auf der PRIME_Network_ PrintProductionDefinition, einer Schnittstellen-Definition im XML Format, die zu den 16 von PRIME ausgearbeiteten Standards gehört. Matthias Voss: "Die Datenübernahme von PPI PlanPag in EAE Print hat den ganz großen Vorteil, dass die Produktion nicht wie früher manuell übernommen werden muss, sondern sie wird digital eingespielt. Die Seiten sind vordefiniert, das macht das Ganze deutlich weniger fehleranfällig – und geht auch schneller." Auch die Übergabe dieser Planungen an die nachgelagerten Systeme erfolgt gemäß dem PRIME Standard – an die Druckformherstellung, die Plattensortierung, aber auch an das EAE Loop System für die Farb- und Feuchtmittel-Regelung. Dr. Holger Barthel: "Es waren klassische Schnittstellen dabei, die wir von vornherein kannten, aber auch andere, die uns völlig neu waren."

Im Bereich CTP waren zum Zeitpunkt der Verknüpfung mit dem Datenworkflow aus Hannover für die vollautomatisierte Plattenversorgung der Rotation drei Krause LaserJet 300 in Betrieb, welche die Platten an ein VCP Abkantsystem und eine Plattensortieranlage von Nela ausgeben. Die Belichter und das Nela-System wurden von wNewsNet (wobe-team) angesteuert – vor der Vernetzung und Automatisierung der Plattenproduktion noch manuell (JetNet Control Client).


Eine Produktion – ein Belichter

Inzwischen übernimmt wNewsNet von wobe-team über die PRIME-Schnittstelle PRIME_Network_ PlateProduction-Definition die Plattenproduktionsdaten aus dem EAE Print System. Wichtig ist dabei: Jede Produktion muss in Potsdam komplett über einen einzelnen Belichter ausgegeben werden, ein Load Balancing ist ausgeschlossen. Dabei ist eine exakte Belichtungsreihenfolge einzuhalten, um manuelle Sortiereingriffe und damit eine wesentliche Fehlerquelle auszuschließen. Der entstehende Plattenstapel wird anschließend durch die Drucker zum Plattenvollautomaten der Commander CL gebracht, wo er immer in einer festgelegten Reihenfolge pro Turmseite abgearbeitet wird. Die oberen Plattenzylinder werden durch einen Plattenlift versorgt.

Pressedruck Potsdam setzt im Prepress-Bereich auch noch die wobe-team-Lösung wNewsNet Portal ein, über das Fremdkunden ihre PDF-Dateien direkt hochladen und über Softproof auch freigeben können.


wNewsNet von wobe-team überstellt auf den Belichtungsdaten basierende Tiff-Dateien an EAE Print zur Nutzung für die Farbregelung durch das EAE Loop System. Außerdem generiert wNewsNet mikroskopisch kleine Messpunkte, die im druckbaren Bereich der Platte mitbelichtet werden und die durch die Registerregelung (Q.I. Press Controls) genutzt werden.


Für die Softproof-Wiedergabe am Leitstand werden die Tiff-Dateien aus dem wNewsNet in Graustufenbilder gewandelt. Die RGB-Berechnung basiert auf den ICC-Profilen der Druckmaschine und des jeweilig eingesetzten Monitors. Pressedruck Potsdam setzt farbkalibierte Monitore mit einer 1:1 Darstellung der Seiten inklusive Papierweiß-Emulation ein. Für die Seitenfortschaltung wird zwischen Softproofsystem und dem EAE-Leitstand der Druckmaschine die Schnittstelle PRIME_NETWORK_SoftproofPageSelection mit einer individuellen Anpassung genutzt.


PRIME-Schnittstellen machen das Datennetzwerk transparent

Dr. Holger Barthel: "Dank PRIME Network sind Standard XML Formate definiert. Die einzelnen Datentypen, die ausgetauscht werden, also zum Beispiel Planungsdaten oder die Seitenfortschaltung bei Softproofs sind standardisiert. Und auf diesen Standards basiert die Kommunikation der einzelnen Systeme miteinander. Das funktioniert deshalb – trotz unterschiedlicher Lieferanten – sehr gut. Wir als IT-Ingenieure haben es nicht mehr mit proprietären Fileformaten oder Steuerungssystemen irgendwelcher Hersteller zu tun. Wenn es technische Probleme gibt, dann können wir relativ schnell anhand des XML-Formates und der Definition, wie das laut PRIME auszusehen hat, feststellen, wo der Fehler liegt. Es besteht so die Möglichkeit, Probleme wesentlich klarer zu analysieren. In der Summe bedeutet das einen deutlich geringeren Projektaufwand."

Zurzeit läuft bei Pressedruck Potsdam die Einführung des V.I.P.-Software-Pakets von EAE. Dies umfasst unter anderem Module für die Produktionsplanung und die Warenannahme sowie zahlreiche Auswertungsmöglichkeiten der Produktionsdaten. Hierdurch wird im Workflow bei PDP noch eine weitere PRIME-Schnittstelle inkludiert – PRIME_NETWORK_TrackingPressControl als Schnittstelle zwischen V.I.P. und Rotation

Wo sehen Sie die Druckindustrie in der Prozessautomation – verglichen mit anderen Industrien? Die Googles, Facebooks dieser Welt, sehen sich als führend, aber die Medienindustrie ist höchstens leicht dahinter. Alle andere Prozessindustrien, verglichen mit der Zeitung, verfügen noch über eine wesentlich geringere Integrationstiefe. Was für eine Ironie des Schicksals. Die gedruckte Zeitung ist heute kein Wachstumsfeld mehr. Aber was wir dort für die Zeitung gemacht haben, das transportieren wir nun seit 2007 in andere Industrien.


Ich bin bei ABB auch für Automation in Branchen wie Pharma, Food & Beverages Chemie, diskrete Fertigung und Datenzentren zuständig gewesen. Wenn man Leitsysteme auf der Stufe der Produktions-Planungs-Systeme, englisch Manufacturing Operation Management – als Schlüsselkomponente in der Digitalisierung, zusammenführen will, gelingt das nur, wenn man das nicht nur über die eigene installierte Basis betreibt. Man muss es breit angehen und über den Zaun hinaus den Markt bearbeiten. Mit geeigneten Schnittstellenkonzeptionen und unter Einbeziehung der Branchenführer.